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IconAllein erziehende Väter

Artikel aus der Zeitschrift "Paps". Autor: Ralf Ruhl (Chefredakteur)

Allein erziehende Väter zwischen Faszination und Abwertung

Sie sind die am schnellsten wachsende soziale Gruppe in Deutschland. 332 000 gab es von ihnen im Mai 2000, fast 130 000 mehr als noch zehn Jahre zuvor, so das Statistische Bundesamt in Wiesbaden. Fast 20 Prozent macht ihr Anteil an den Alleinerziehenden aus. Die Rede ist von den Vätern. Wie leben sie, wie gehen sie mit ihren Kindern um?

Nach dem Bürgerlichem Gesetzbuch gilt als allein erziehend, wer das alleinige Sorgerecht hat – egal, ob die Person mit einem Partner, in einer Wohngemeinschaft, bei den Eltern oder in einem Heim lebt. Das Sozialrecht hingegen orientiert sich an der Haushaltssituation. Hier gilt als allein erziehend, wer allein für ein oder mehrere Kinder sorgt. Bei wissenschaftlichen Untersuchungen werden zum Teil wieder andere Items zu Grunde gelegt. Politik, Justiz, Wissenschaft und Statistik waren über 30 Jahre nicht in der Lage, sich hier auf einen allgemein gültigen Begriff zu einigen. Weswegen er sich gut zur Stimmungsmache eignet.

Gleichbehandlung für Männer Aber wie wird man überhaupt allein erziehender Vater? Für fast 80 Prozent sind Trennung und Scheidung die Ursache, so eine Studie der GFM-Getas von 1997, in Ostdeutschland sogar für fast 90 Prozent. Und dann ist es für Väter nicht leicht, das alleinige Sorgerecht zu bekommen. Noch nicht einmal, wenn die Mutter nachweislich die Kinder nicht betreuen kann.

Willis Frau musste mehrfach in die Psychiatrie, jahrelanger Tablettenmissbrauch machte die Einweisung nötig. Er beantragte das alleinige Sorgerecht für seine Kinder. Die vom Gericht bestellte Gutachterin meinte, wenn er halbtags arbeiten würde, könnte er das Sorgerecht bekommen. Das war von Arbeitgeberseite nicht möglich. Trotz Ganztagsbetreuung im Kinderhort und einer zusätzlichen Kinderfrau wurde sein Antrag abgelehnt.

Günter Hahn, Diplom-Pädagoge in der Beratungsstelle für Männer „Mannege“ in Berlin, fordert eine wirkliche Gleichbehandlung der Väter. „Erziehungskompetenz wird immer noch hauptsächlich Frauen zugesprochen“, meint er. An vielen Richtern und Gutachtern, aber auch an Jugendämtern, ist die seit Jahren andauernde Diskussion über den Wert von Vätern für Kinder und ihre Erziehungskompetenz offenbar spurlos vorbei gegangen. Allerdings gibt es hier viele regionale und personale Unterschiede. „Väter klagen immer wieder, das Jugendamt sei ein Mütteramt“, so Günter Hahn. Sie fühlen sich nicht ausreichend unterstützt. Vor allem bei Fragen zum Unterhalt begegnen viele Väter immer wieder dem Vorurteil, sich nur um Zahlungen drücken zu wollen. „Mir wurde beim Jugendamt glatt unterstellt, ich wolle das Sorgerecht nur, um keinen Unterhalt zahlen zu müssen“, ereifert sich Willi.

Wie in allen Beratungsstellen arbeiten auch in Jugendämtern vor allem Frauen. „Da ist dann die männliche Seite nicht wirklich im Blick“, meint Günter Hahn. Die Unterhaltsfrage „Meine Frau kam mit den Kindern nicht zurecht. Sie war ständig überfordert und ist dann abgehauen, hat jahrelang nichts von sich hören lassen“, beschreibt Werner, 52, seine Situation. Der gelernte Großhandelskaufmann lebt mit seinen beiden Söhnen, drei und elf Jahre, in einem Dorf in Schwaben, seit fast zehn Jahren erzieht er sie allein. Böse auf sie ist er nur am Anfang gewesen, als er nicht wusste, was los war. Den Kindern fällt das nicht so leicht, sie wollen keinen Kontakt mit ihr. Finanziell „reicht es gerade“, sagt Werner. Er lebt von einer kleinen Rente im eigenen Haus. Mit dem Erziehungsgeld ging es besser, nach Auslaufen des Unterhaltsvorschusses klafft eine Lücke. Von der Mutter bekommt er keinen Cent. Überhaupt zahlen gerade 19 Prozent der Mütter Unterhalt für ihre Kinder, fand Michael Matzner in seiner Studie „Vaterschaft heute“ heraus. Nur eine der Befragten zahlte auch für den Mann.

Ähnliche Erfahrungen hat auch Hermann, 39, Werbekaufmann in Freiburg, seit acht Jahren allein erziehend. Gerade ist er mit seinem elf-jährigen Sohn in die Stadt gezogen. Die Mutter zahlt erst seit zwei Jahren Unterhalt für das Kind, vorher gab es ab und an mal Taschengeld. Eine Verpflichtung sah sie nie. „Wenn er etwas braucht, zahle ich“ hatte sie dem Vater beschieden, ansonsten sehe sie nicht ein, dass sie von ihrem Geld etwas abgeben solle. „Das war schon arg knapp“, sagt Hermann, „wir mussten uns ziemlich einschränken. Auch mein Sohn hat die Situation verstanden und nie große Ansprüche angemeldet. Markenklamotten waren halt nie drin. Und betteln wollten wir beide nicht."

Allein erziehende Väter sind Arbeitsmänner 81 Prozent der allein erziehenden Väter (Mütter: 70 Prozent) sind nach einer Studie des Bundesfamilienministeriums aus dem letzten Jahr berufstätig, 92 Prozent arbeiten mehr als 30 Stunden (Mütter: 50 Prozent). Entsprechend gering ist die Sozialhilfequote, sie lag 1997 bei 3,4 Prozent (Mütter: 21 Prozent). Männer entlasten also einerseits den Sozialhaushalt, andererseits halten sie am "typischen Männerbild" der ununterbrochenen Erwerbsbiografie fest.

Der Arbeitsmarkt bietet ihnen allerdings auch wenig andere Möglichkeiten. Hermann hatte gleich nach der Trennung seinen Job gekündigt, „wegen des Kindeswohls“, und nahm verschiedene Teilzeitjobs an. Seine Erfahrungen sind überwiegend positiv, vor allem bei Kunden. „Die freuten sich manchmal sogar über die Auflockerung der Atmosphäre durch den Jungen.“ Die Arbeitgeber allerdings reagierten nicht immer wohlwollend. „Als der Kindergarten geschlossen war und ich den Kleinen mit in die Firma brachte, wurde ich angeschrieen, ob ich ihn nicht anderswo unterbringen könnte."

Gerade wegen der starken Erwerbstätigkeit haben allein erziehende Väter besondere Schwierigkeiten, Beruf und Familie zu vereinbaren. Sie sind in höherem Maße auf Ganztagsplätze im Kindergarten angewiesen und benötigen oft zusätzlich Betreuung, vor allem bei unregelmäßigen Arbeitszeiten. Nach der Untersuchung von Matzner geben immerhin 66 Prozent der allein erziehenden Väter an, ihr Arbeitgeber würde ihre Situation berücksichtigen, wenn es mit den beruflichen Anforderungen zu vereinbaren ist. 34 Prozent tun dies also ausdrücklich nicht!

Das führt zu vielen Problemen bei der Alltagsorganisation: „Wenn ich meinen Sohn vom Kindergarten abholen musste, konnte ich eben nicht noch mal schnell einen Auftrag erledigen. Ich war nicht so verfügbar wie andere. Das haben die Arbeitgeber nicht wirklich akzeptiert“, sagt Hermann. So wurde er zum Zuträger, bekam keine verantwortungsvollen Aufgaben mehr. Aufgelehnt hat er sich dagegen nicht. „Ich musste ja froh sein, überhaupt einen Job zu haben."

Vereinbarkeit von Kind und Beruf Joachim Majunke von der Mannege Berlin sieht daher hier das größte Problem für Väter. „Die Gesellschaft akzeptiert nur sehr zögerlich andere Lebensentwürfe von Männern. Wiedereingliederungshilfen nach Erziehungszeiten, für Mütter selbstverständlich, gibt es für Väter nicht.“ Für Werner wäre das ein Segen, schließlich ist er seit zehn Jahren raus aus dem Beruf. Wenn das Kind verlässlich in der Schule ist, will er eine Teilzeitstelle suchen. Doch die sind für Männer sind nur in wenigen Geschäftsbereichen vorhanden, eine Arbeitszeitreduzierung wird ihnen schwer gemacht. Majunke: „Wir brauchen für jede Branche Modelle, die zeigen, wie es geht." Dabei sind viele Männer bereit, auf Karriereschritte zu verzichten, wenn sie Verantwortung für ihre Kinder übernommen haben.

Nach Matzner geben über 60 Prozent an, weniger arbeiten zu wollen, um sich mehr um die Kinder kümmern zu können. Wenn es denn ginge. Hermann hat sich inzwischen selbständig gemacht. Er genießt es, die Zeit freier einteilen zu können. „Wenn der Junge mittags aus der Schule kommt, wird nicht geschafft. Wir essen zusammen und dann will er erst mal erzählen." Diese gemeinsame Zeit ist auch Werner wichtig. „Nachmittags sind Hausaufgaben dran, da erfahre ich alles über den Tag und wie es ihm geht. Da reden wir über Gott und die Welt.“

Die Nähe, die tiefe Liebe zu ihren Kindern und von ihren Kindern zu spüren, das gibt vielen Vätern Lebenssinn. „Wenn ich daran denke, dass mein Sohn in ein paar Jahren auszieht – da wird mir schon mulmig“, bekennt Hermann. Väter in Mütterrunden "Manchmal komme ich mir vor wie eine typische Hausfrau. Dann denke ich, ich habe den ganzen Tag nichts geleistet, es gibt keine Bestätigung und ich habe nur noch mit Kindern zu tun“, sagt Werner. Dabei würde er gerne wieder Sport machen oder auch abends mal weggehen. „Aber das kostet Geld für den Babysitter. Außerdem ist der Kontakt zu den meisten Bekannten eingeschlafen." Auch Günter Hahn sieht in der sozialen Isolation mit das größte Problem allein erziehender Väter: „Im Gegensatz zu Frauen sind sie nicht netzwerkorientiert. Sie treffen wenig Männer in der gleichen Situation, werden als Exoten angesehen und fühlen sich dann auch so.“ Zum Beispiel auf dem Spielplatz oder beim Allein-Erziehenden-Treff. Da sind Männer klar in der Minderzahl. „Gespräche laufen nur über die Kinder, als gäbe es keine anderen Themen“, sagt Werner. Und Hermann: „Die Frauen sitzen im Kreis, essen Kekse und giggeln, da ist es unheimlich schwer, reinzukommen.“ Trotzdem haben beide bei solchen Treffen sehr viele wichtige Informationen erhalten; ihnen fehlt jedoch der Austausch mit anderen Vätern. Hier müssten Männer selbst mehr initiativ werden, wünscht sich Joachim Majunke. Aber er kritisiert auch die vorhandenen Angebote. „Welcher berufstätige Vater kann denn montags um 14.00 Uhr in einen Spielkreis oder eine Sportgruppe für Eltern und Kinder kommen? Wir brauchen fortlaufende Angebote, die sich in Sprache, Angebot und Begegnungsformen auf Väter einstellen."

Kontakt zur Mutter bleibt erhalten Hermann hat für sich dieses Problem ganz pragmatisch gelöst: „Ich hatte keine Kinderbetreuung, also habe ich meinen Sohn überall mit hin genommen. Zum Kegeln, zum Sport, auf Parties. Er hat es sehr genossen, einfach dabei zu sein.“ Und sein Vater hat es sehr genossen, Dinge tun zu können, die er sich allein als Erwachsener nicht getraut hätte. Mit Bausteinen spielen, die Autorennbahn aufbauen, in den „Harry Potter“-Film gehen.

Und wie reagieren Frauen auf allein erziehende Väter? „Oft erstaunt“, sagt Hermann. „Einerseits sehen sie es positiv, dass ein Mann für sein Kind einsteht. Dann kommt aber auch gleich ‚ich würde es nicht so machen, ein Kind gehört doch zur Mutter’.“ Da fühlt er sich verpflichtet, seine Ex-Partnerin zu verteidigen. Schließlich sei sie keine Rabenmutter.

Ein Umgangsboykott käme ihm nie in den Sinn – wie den meisten allein erziehenden Vätern. Nur bei 14 Prozent (gegenüber 37 Prozent) bricht laut Studie des Bundesfamilienministeriums der Kontakt zum anderen Elternteil ab. „Mein Sohn ist glücklich über die Zeit, die er mit seiner Mutter verbringt. Es geht ihm gut, wenn er wieder kommt. Ich kann ihm schließlich nicht alles geben.“ Allerdings könnte sie schon etwas verlässlicher sein und auf die Auseinandersetzungen über Erziehungsstile könnte er gut verzichten. „Sie liest viele Ratgeber, ich mache einfach“, beschreibt er die Unterschiede.

Selbständige Kinder. Sein Sohn musste – und das ist bei fast allen allein Erziehenden so – von klein auf im Haushalt mithelfen, sein Zimmer aufräumen, den Tisch decken, einkaufen. „Aber die Toilette war immer mein Ressort“, grinst Hermann. Auf die Selbständigkeit und das Verantwortungsgefühl seines Sohnes ist er stolz. Und das ist notwendig, schon wegen häufig knapper Zeitkorridore. „Ohne Pünktlichkeit geht es nicht, sonst verpassen wir uns. Verabredungen müssen eingehalten werden – von beiden Seiten.“ Den Jungen freut’s, er weiß, dass er sich auf seinen Vater verlassen kann, dass er wirklich da ist, wenn er nach Hause kommt.

Der Haushalt ist für die beiden eher eine Notwendigkeit. „Wir gehen lieber raus, unternehmen was, eine Radtour oder einen Ausflug.“ Sagen’s – und lächeln glücklich. Und das ist typisch für allein erziehende Väter. Alle Studien bescheinigen ihnen ein positives Lebensgefühl und einen optimistischen Blick in die Zukunft.


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