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IconEs fehlen die positiven Vorbilder für Väter

Eine «sanfte Revolution in der Familie» hat Wassilios E. Fthenakis bei seinen Forschungen entdeckt. Väter wollen mehr für ihre Kinder tun.

Aber das ist gar nicht so einfach. Über Kinder-Wünsche und Konflikte von Männern sprach der Familienwissenschaftler mit der Redakteurin Jenny Schmetz von den Aachener Nachrichten Online.

Die Nachfrage nach dem neuen Elterngeld wächst. Die Familienministerin ist begeistert: Mehr als doppelt so viele Väter wie früher steigen vorübergehend aus dem Job aus, um ihr Kleinkind zu betreuen. Das sind bundesweit 9,6 Prozent der Antragsteller. Eigentlich doch enttäuschend wenig!

Wassilios E. Fthenakis: Die bisherigen Daten bilden noch keine verlässliche statistische Grundlage für Aussagen über mögliche Reaktionen von Männern auf das Elterngeld. Der Anstieg um sechs Prozent ist durchaus nennenswert, aber er gibt noch keinen Anlass zur Begeisterung.

Ist von der Leyens Ziel von 25 Prozent Väter-Anteil realistisch?

Fthenakis: Es wird sehr schwierig sein, dieses Ziel in einem oder zwei Jahren zu erreichen. Da haben nicht nur ökonomische Faktoren Einfluss, sondern auch Einstellungen. Das deutsche Gesellschaftssystem drängt Männer in die Brotverdiener-Rolle. Und solche gesellschaftlichen Zwänge verändern sich nicht sehr schnell.

Diese Geschlechterrollen haben Sie in Ihren Studien zur Vaterschaft in Deutschland untersucht. Sie erkennen eine «sanfte Revolution in der Familie». Übernehmen die «neuen Väter» die Macht am Herd?

Fthenakis: Wir haben die sanfte Revolution nicht im System, sondern in den Köpfen identifiziert. Männer und Frauen haben das Vaterschaftskonzept erweitert, indem neben der ökonomischen Funktion auch die soziale Funktion eine bedeutsame Rolle spielt, neben dem Vater als Ernährer also auch der Vater als Erzieher. Das Neue ist, dass zwei Drittel der Männer und Frauen den Vater in erster Linie als Erzieher sehen.

Viele Männer scheinen also mehr in der Familie tun zu wollen, aber sie tun es nicht.

Fthenakis: Diese Formulierung ist nicht zutreffend. Nicht die Männer sind verantwortlich dafür, sondern das System. Die zehnjährigen Untersuchungen der LBS-Familienstudie haben ergeben, dass die Familie nach der Geburt des ersten Kindes zu einer Traditionalisierung der Geschlechterrollen gezwungen wird. Und zwar deshalb, weil das Einkommen der Mutter wegfällt und derjenige, der mehr verdient, noch stärker in den Beruf einsteigen muss - also in der Regel noch der Mann.

Was läuft falsch im «System»?

Fthenakis: Die jungen Männer und Frauen bevorzugen ein Modell, das auf Gleichberechtigung aufbaut. Sie wollen beide arbeiten und Geld verdienen, beide im Haushalt anpacken und möglichst viel gemeinsam erleben. Aber dieses Modell der Gleichheit mutiert nach der Geburt des ersten Kindes zu einem Modell der Ungleichheit: Die Frau bleibt in der Regel zu Hause, der Mann muss arbeiten. Gleichzeitig übernimmt die Mutter den Löwenanteil im Haushalt, der Vater ein knappes Drittel.

Diese Traditionalisierung betrifft das gesamte Zusammenleben - und widerspricht zutiefst den geäußerten Bedürfnissen von Männern und Frauen. Das drückt sich in einer massiven Verschlechterung der Partnerschaftsqualität aus. Kommunikation, Zärtlichkeit und Sexualität lassen rapide nach, Konflikte nehmen zu. Und damit verschlechtert sich die Vater-Kind-Beziehung, nicht jedoch die Mutter-Kind-Beziehung. Das dämpft auch weitere Kinder-Wünsche von Vätern. Sie ziehen sich immer mehr aus der väterlichen Verantwortung zurück.

Eine Ursache also: Männer verdienen mehr als Frauen.

Fthenakis: Ja, die Wirtschaft spielt eine dominante Rolle. Aber ebenso wichtig sind die bislang fehlenden Betreuungsangebote für unter Dreijährige. Und es kommt auf die Einstellung der Gesellschaft an: «Das Kind braucht die Mutter, also muss sie zu Hause bleiben.»

Dabei sind Mütter doch nicht von Natur aus die besseren Erzieher!

Fthenakis: Leider gibt es auch Männer, die die Auffassung vertreten, Frauen seien bei der Erziehung des Kindes den Männern überlegen. Die aufgeklärte jüngere Generation hat sich aber längst von dieser Position verabschiedet. Doch wir müssen gesamtgesellschaftlich deutlicher machen, dass beide Elternteile von Anfang an kompetent für die Erziehung ihrer Kinder sind. Keiner kann als überlegen angesehen und so mit mehr Verantwortung überladen werden.

Welche Aufgaben übernehmen Väter denn meistens?

Fthenakis: Das interessanteste Modell der Aufgaben-Verteilung ist ein dynamisches. Mütter und Väter sollten selbst ihre jeweiligen Stärken erkennen und in die Familie einbringen. Wenn der Mann besser kochen kann als die Frau, dann soll er kochen! Wir müssen die Aufgaben von der Zuordnung zu den Geschlechtern entkoppeln. Wie schnell können sich solche Geschlechterrollen denn wandeln? Fthenakis: Das ist ein langwieriger Prozess, aber wir sind mittendrin. Momentan beobachten wir eine interessante Wende: Männer und Frauen wollen sich nicht mehr von außen vorschreiben lassen, wie sie sich als Väter und Mütter verhalten sollten.

Aber so schnell klappt das nicht?

Fthenakis: Wir brauchen noch 20Jahre, bis wir gut über den Berg sind. Die Gesellschaft übt immer noch Macht aus. Wenn heute zum Beispiel ein Junge rosa Kleidung tragen will, dann wird er Probleme bekommen.

Und die Väter gehen auch noch nicht auf die Straße, um für ihre Rechte zu demonstrieren.

Fthenakis: Der öffentliche Protest bleibt noch aus.

Aber wie können Väter einen neuen Stellenwert erlangen?

Fthenakis: Das ist ja das Problem! Eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über den Wert von Vätern findet nicht statt. Es gibt nur Appelle an die Industrie, aber die helfen uns nicht weiter. Wir wissen aus der Forschung, dass Männer, die Beruf und Familie nicht miteinander vereinbaren können, genauso darunter leiden wie Frauen. Über den inneren Konflikt der Frauen wird gesprochen, aber nicht über den der Männer.

Wo finden Väter heute positive Vorbilder?

Fthenakis: Das ist wirklich ein Problem. Dagegen haben zum Beispiel Homosexuelle in Deutschland ihre Vorbilder. Einer nach dem anderen outet sich und erhöht die soziale Akzeptanz. Das haben wir bei den Vätern noch nicht. Wir haben nicht einmal einen Minister, der sagt: Ich bleibe für zwei Monate zu Hause, um mich um mein Kind zu kümmern. Das finden Sie aber in England oder in Skandinavien.

Was kann man tun?

Fthenakis: Wir müssen früh bei der Bildung ansetzen und den Kindern symmetrische Geschlechtermodelle vermitteln. Außerdem muss die Politik den Menschen ermöglichen, ihre individuell gewünschten Modelle zu verwirklichen.

Wie könnte eine «vätersensible» Politik aussehen?

Fthenakis: Auf kommunaler Ebene könnten zum Beispiel Bildungseinrichtungen ihre Informationen nicht in erste Linie an die Mütter richten, sondern auch an die Väter. Zudem müsste es mehr psychologische Beratungsstellen für Väter und Paare geben. Auch in der Bundesfamilienpolitik werden die Väter erst langsam entdeckt.

Fehlt das Geld oder der Mut?

Fthenakis: Die Bundesrepublik investiert überdurchschnittlich viel in Familien - wenn auch nicht immer richtig und effizient. Es gibt nur einzelne politische Maßnahmen ohne fundiertes zukunftsweisendes Konzept. Dazu fehlen der politische Mut und die Vision.

 

Der gebürtige Grieche Wassilios Emmanuel Fthenakis hat in München Anthropologie, Genetik und Psychologie studiert. Von 1975 bis 2006 war er Direktor des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. Seit 2002 unterrichtet er in Bozen als Professor an der Fakultät für Bildungswissenschaften. Fthenakis bezeichnet sich selbst als «politisch unabhängig». In der Familienkommission der Bundesregierung hat er am siebten Familienbericht mitgewirkt. Er ist zudem verantwortlich für die Bildungspläne für Kinder unter sechs Jahren in Bayern sowie für Kinder von null bis zehn Jahren in Hessen. Überdies berät er die chinesische Regierung in familienpolitischen Fragen. Der 69-Jährige ist verheiratet und hat zwei Söhne im Alter von 29 und 26 Jahren.